Samstag, 18. November 2017

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Mai 2016

Fachkräftemangel, was kann ich tun?

Diese zwei Frauen warten sehnsüchtig auf einen Pizza-Boten

Statt wie erhofft als Physiotherapeut in Loitz muss sich ein Serbe derzeit als Pizza-Bote in Belgrad durchs Leben schlagen. Eine Praxis in Loitz würde den jungen Mann liebend gerne einstellen. Er hat schon Deutsch gelernt, verfügt über die entsprechenden Qualifikationen, und deutsche Bewerber sind beim besten Willen nicht zu bekommen. Aber die Bürokratie verhindert seine Einstellung. Noch. Denn jetzt soll sich sogar der Bundestag der Sache annehmen, eine Patientin machte beim Petitionsausschuss Druck.

Von Stefan Hoeft

LOITZ. Jana Schlie versteht die Welt nicht mehr: Da wird überall von Willkommenskultur und einem sich verschärfenden Fachkräftemangel geredet und geschrieben. Wenn aber jemand wie sie beides verknüpfen und damit auch noch junge Leute nach Vorpommerns locken will, dann scheint es keine legale Möglichkeit zu geben.

Die junge Frau ist Inhaberin der gleichnamigen Physiotherapie-Praxis an der Greifswalder Straße 261 von Loitz und sucht dringend Mitarbeiter. Und hätte eigentlich auch einen geeigneten Kandidaten an der Hand, er heißt Svetomir Stojanovic. Nur ist der Serbe und bekommt kein grünes Licht von den Behörden.

Dabei war der 22-Jährige bereits in Loitz, er landete vor nicht ganz zwei Jahren als Flüchtling hier. Mit seinem Fachdiplom für diese Branche stellte er sich damals in der Praxis von Jana Schlie vor. Elan und die Chemie schienen zu stimmen, und die Geschäftsfrau sah die Chance, endlich ihre Suche nach einer Fachkraft beenden zu können. Zumal sich der heimische Arbeitsmarkt in dieser Hinsicht immer wieder als Enttäuschung erwies. Doch auf eine offizielle Erlaubnis, den jungen Mann vom Balkan einzustellen, wartet sie bis heute vergebens.

Zwischenzeitlich ist Svetomir Stojanovic freiwillig in sein Heimatland zurückgekehrt, weil er keinen Flüchtlingsstatus bekommen hat und kein langfristiges Einreiseverbot für Deutschland riskieren wollte. Denn nach wie vor zeigt er sich bestrebt, in Loitz beruflich Fuß zu fassen. Er hat eine Fremdsprachenprüfung abgelegt, bekäme überdies Unterstützung aus der Peenestadt, was ein eventuell nötiges Anerkennungs- beziehungsweise Nachprüfungs-Verfahren für seinen Berufsabschluss angeht, ebenso bei der Wohnungssuche. Schließlich ist der Ort am Zuzug junger Leute, die hier arbeiten wollen, interessiert. Selbst das Jobcenter in Greifswald steht dem beantragten Arbeitsvisum offen gegenüber, berichtet Schlie, weil die Experten dort die hiesige Lage genau kennen. Von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesarbeitsagentur hingegen kam im vergangenen Jahr eine Absage. Weil Physiotherapeuten nicht auf der der so genannten Positivliste für dringend benötigte Fachkräfte stehen.

Ein Fakt, der nicht nur die Loitzer Unternehmerin maßlos aufregt, sondern auch Matthias Thomas Paulsen, den Landesgruppenvorsitzenden der Vereinigung für die physiotherapeutischen Berufe e. V. in Mecklenburg-Vorpommern. „Selbst ein einbeiniger blinder Physiotherapeut bekommt heute mindestens zehn Stellenangebote bei uns“, umschreibt er sarkastisch die Lage der Branche. Weil der Berufsstand nur mäßig bezahlt werde und mit anderen im Konkurrenzkampf um die immer weniger Jugendlichen steht, sehe es mit Nachwuchs dürftig aus. Dass es überhaupt noch so eine Zahl von Physiotherapeuten gebe, sein Verband vertritt rund 400 Selbstständige, liege allein daran, dass ihnen dieser Job so viel Spaß mache. Gefühlt könnte wohl jeder seiner Mitgliedsbetriebe noch jemanden einstellen, aber der Markt mit wirklich geeigneten Leuten sei einfach leer. „Das betrifft nicht nur mich, das ist überall das gleiche“, unterstreicht die Loitzer Praxis-Inhaberin.

Von daher müsse diese Positivliste dringend aktualisiert werden, selbst wenn es in Ballungszentren vielleicht noch keinen Mangel gebe. Zumal die Menschen in Vorpommerns Provinz immer älter würden und der Behandlungsbedarf damit steige. Von Berlin jedenfalls würde wohl kaum einer für eine Arbeitsstelle nach Loitz ziehen, sind sich Schlie und Paulsen einig. „Wir sind als Berufsstand wahrscheinlich zu unbedeutend“, erklärt sich letzterer den derzeitigen Stillstand in dieser Sache. „Wenn der Mann Arzt wäre, würde da jemand sofort ein Taxi bestellen und ihn abholen lassen.“

Die beiden Berufsvertreter sind derweil nicht die einzigen, denen diese Situation und die persönliche Lage von Svetomir Stojanovic gegen den Strich gehen. Momentan nämlich kann sich der Serbe glücklich schätzen, in Belgrad als Pizzabote zu arbeiten, um wenigstens etwas Geld zu verdienen. Von diesen Problemen haben auch einige Patienten gehört – wie die Loitzerin Inge Weier. Und die hat nach Rücksprache mit den Beteiligten auf ihre ganz eigene und energische Art den Kampf gegen die deutsche Bürokratie aufgenommen. Weil sie nicht einsehen will, dass der gesunde Menschenverstand keine Chance haben soll.

Also startete sie eine Eingabe an den Petitionsausschuss des Bundestages. Sie musste zwar zunächst eine Ablehnung verkraften, in der eben auch wieder die besagte Positivliste zum Totschlag-Argument avancierte. Aber dieses Schreiben aus Berlin erschien ihr einfach zu banal, so dass sich ihr anfangs bittender Ton verschärfte. Sprich, die energische Seniorin gab keineswegs klein bei und beharrte auf einer Bearbeitung ihrer Anfrage und machte sich dabei mal so richtig Luft zu diesem für den ganzen Nordosten drängenden Problem. „Was die da geschrieben haben, konnte ich einfach nicht nachvollziehen“, erzählt sie dem Nordkurier.

Letztlich schlug die Post von der Peene kräftige Wellen in Berlin, von denen auch Kerstin Kassner etwas mitbekam, Linke-Bundestagsabgeordnete für den hiesigen Wahlkreis und Mitglied im Petitionsausschuss. Sie hat sich dieser Sache nun angenommen und bei einem Lokaltermin in Loitz zusammen mit ihrer Tutower Landtagskollegin Jeannine Rösler den Schulterschluss mit den Physiotherapeuten gesucht. Sie könne zwar keine Erfolgsgarantie geben, doch diese Petition werde sie mit besonders großem Nachdruck behandeln. Schließlich scheine es sich nicht um einen Einzelfall, sondern zumindest für Mecklenburg-Vorpommern um ein generelles Problem zu handeln. Sie wisse aus eigener Erfahrung, dass es viel zu lange Wartezeiten für eine Behandlung gebe und dass Zuzug für das Küstenhinterland eine existenzielle Notwendigkeit darstelle.

„Es ist eigentlich traurig, welche Wege man da gehen muss“, erklärt Kerstin Kassner. Und stimmte die Loitzer schon mal darauf ein, dass durchaus noch einiges mehr an Zeit ins Land gehen kann, bis diese Petition alle Stellen durchlaufen hat und eine endgültige Antwort erfährt. Verbunden mit der Hoffnung, dass es nicht nur für Svetomir Stojanovic und Jana Schlie samt ihren Patienten eine gute Lösung gibt, sondern dass diese umstrittene Positivliste entsprechend geändert wird. Dann könnte vom kleinen Loitz die Initialzündung zu einem großen Schritt für die gesamte Branche gekommen sein.

Den Artikel aus dem Nordkurier finden Sie hier.

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